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Das menschliche Gehirn ist genial.

Es funktioniert besser als jeder Hochleistungscomputer und hilft uns den Tag und alle damit verbundenen Entscheidungen zu bewältigen.

Doch diese scheinbar perfekte Konstruktion hat einen Fehler: Es hat keinen „Ausschalter“.

Gerade dann, wenn wir es nicht brauchen und uns zum wohlverdienten Schlaf legen beginnt es auf Hochtouren zu arbeiten und stellt uns folgende Fragen:

Wo stehe ich in 5 Jahren?

Soll ich meinen Kabarett-Job aufgeben und endlich einen finden bei dem ich mehr Geld verdiene?

Soll ich das Geld dann sparen?

Sparen ist aber gar nicht mehr so sicher, oder?

Soll ich mein Erspartes besser im Casino auf „Rot“ setzen?

Aber wenn ich gewinne, was mache ich dann mit dem vielen Geld?

Wenn ich ja eigentlich sowieso nicht sparen will?

Wieso ist eigentlich die Nachbarin immer so laut?

Soll ich mir die Jacke kaufen die ich heute gesehen habe?

Wird die Arbeit morgen wieder so stressig?

Wieso schnarcht meine Frau?

Soll ich buddhistisch oder katholisch leben?

Reicht ein Leben oder sollen es mehrere sein?

Wenn es nur ein Leben gibt, wie viele Frauen sollte man dann haben?

Gibt es da einen „gesunden“ Durchschnitt?

Kann man so etwas googeln?

Gerhard Gradinger nimmt in seinen 6. und letzten* Programm das Leben auf die Schaufel und beantwortet die Fragen die wir uns alle stellen.

* like a Rolling Stone

inskabarett

 

Premierenkritik www.diekleinkunst.com zu Burned Out

Gerhard Gradinger kommt auf die Bühne, man hat das Gefühl mit einem Lächeln auf den Lippen, weil er sich offensichtlich darauf freut, dass er eineinhalb Stunden auf der Bühne spielen wird. Und diese Spielfreude ist ihm die ganze Premiere lang anzusehen. Es ist aber nicht nur die gern zitierte Spielfreude, sondern da ist eine Leidenschaft dahinter, das Publikum zu unterhalten mit guten Pointen und humorvollen Erzählungen aus dem oft schwierigen Berufs- und Beziehungsleben. Und als Publikum kommt man das ganze Programm hindurch nicht umhin, auch sich selbst wiederzuerkennen oder zu denken: „Ja, genau so ist es.“

Beim 34-jährigen Niederösterreicher aus Groß-Schweinbarth bekommt man den Eindruck, das Leben an sich hält schon so viele Pointen parat, da muss man nicht lange überlegen, wenn man ein guter Beobachter und Zuhörer ist, und das ist er absolut. Witz, Humor und Komik liegen sozusagen auf der Straße, und der aufmerksame Mitmensch Gerhard Gradinger kann sich als Kabarettist aus dem großen Fundus „Leben“ bedienen. Das klingt einfacher, als es ist, denn seine Beobachtungen und Überlegungen pointiert dem Publikum zu präsentieren, erfordert ein gutes Gespür und Talent. Auch in seinem 6. Programm beweist er wieder, wie gut er darin ist, und man wundert sich, dass er nicht noch präsenter auf Österreichs Kabarettbühnen ist.

Am Anfang des Programms kokettiert Gradinger mit der Überlegung, eventuell mit dem Kabarettspielen aufzuhören. Doch er hat einen Manager, der für ihn 80 Auftritte in diesem Jahr organisieren soll, wenn das gelingt, macht er weiter. Ob es der Manager schafft, erfährt er noch am selben Abend, denn der Manager wird ihn auf der Bühne anrufen, und wir, das Publikum, sind also live dabei, wenn es um die Entscheidung bezüglich seiner Bühnenzukunft geht. Spannend! Der Anruf kommt dann gegen Ende des Programms – aber was der Manager zu sagen hat, sollte man sich live ansehen und anhören.

Seine Lebensbetrachtungen serviert Gerhard Gradinger dem Publikum aus unterschiedlichen Perspektiven mit Hilfe von einigen Figuren. Diese Figuren sind so lebensecht, auch hier zeigt sich Gradingers Talent zur Typenzeichnung. In der Art zu reden und in der Wortwahl trifft er den Stammtischsitzer vulgo Alleswisser, den Kommerzialrat, den Animateur Ludwig und zuletzt auch den Psychologen genau.

Mit der Figur des Psychologen gibt er weise Worte wieder, wenn der Satz mit: „Mein Psychologe sagt …“ beginnt. Unter anderem sagt der Psychologe: „Jede guade oide Zeit war einmal a schiache neue.“ Außerdem erklärt der Psychologe, nicht alles sei eine echte Gefahr und man solle filtern, was eine echte Gefahr darstellt. Was in einem Streit mit dem „Schatzi“ kein Vorteil ist, denn während sie sagt, sie geht, im Sinne von sie verlässt ihn, und eine Antwort erwartet, bleibt er stumm, weil er noch überlegt, ob es sich um eine echte Gefahr handelt. Nicht gut für die Beziehung.

Genial gespielt ist das Telefonat zwischen ihm und seinem Chef. Was er aus der harmlosen Floskel „Schöne Grüße an die Frau“ macht, wie sich das Gespräch weiterentwickelt, wie er sich immer mehr verstrickt in Ausreden und versucht, Fettnäpfchen wieder gutzureden, das ist wirklich große Klasse. Hut ab!

Auch die Figur des geizigen Kommerzialrats ist sehr gelungen. Gerhard Gradinger setzt sich eine Brille auf, verändert ein wenig die Stimme und die Art des Sprechens, und der pensionierte Kommerzialrat sitzt wahrhaftig auf der Bühne. Der ist einer, der auch in der Pension noch immer jedes Jahr auf Besuch in die Firma fährt, um sich am Buffet das mitgebrachte Tupperware anzufüllen. Zu Weihnachten wird er von seiner Svetlana verlassen und ist einsam. In seiner Einsamkeit schlägt er seinem Sohn vor, er solle Enkelkinder machen, die kosten nichts.

Und die Figur des Ludwig darf nicht fehlen. Dieses Mal ist er Animateur im Thermalbad Oberlaa – auch hier ist seine Erklärung, wie Oberlaa zum Namen Oberlaa kommt, sehr fantasievoll. Dieser Ludwig spricht mit der Kundschaft im Wasser so etwas wie Denglisch (Deutsch und Englisch). Da sich der Körperumfang von Gerhard Gradinger im letzten Jahr sehr reduziert hat, stellt er sich als Ludwig sogar nur mit Badehose bekleidet auf die Bühne.

Manchmal sind die Schmähs aus den „tiefsten“ Gewässern gefischt, aber die vergisst man gleich wieder, weil sofort gute Pointen folgen, und man von den Ausführungen und Betrachtungen von Gerhard Gradinger hingerissen ist.

Zum Abschluss kommt der Psychologe, der bis dahin immer für Lebenstipps verantwortlich war, persönlich auf die Bühne und bringt ein treffendes Beispiel, wie heutzutage mit den neuen Medien umgegangen wird – Stichwort Facebook. Er verabschiedet sich mit den Worten: „Beobachte und komme wieder.“ In diesem Sinne: Ein absolut sehenswertes Programm mit weisen Gedanken und viel Schmäh, realsatirische Alltagsbeobachtungen at its best!

DieKleinkunst-Redakteurin Margot Fink

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